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Das Archiv der Israelitischen Kultusgemeinde Wien

2016 feiert das Archiv der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) Wien sein 200-jähriges Jubiläum. Offiziell wurde das Archiv im Jahr 1816 gegründet, als die Vertreter der jüdischen Gemeinde am 30. Juni 1816 den Beschluss fassten, alle Aktenstücke der „hiesigen Israeliten“ durch einen Aktuar (Schreiber/Sekretär) zusammenzulegen und aufzubewahren. Es dauerte mehr als dreißig Jahre bis sich das Archiv „institutionalisierte“. Alte sowie neue hinzukommende Aktenstücke der einzelnen Abteilungen wurden sukzessive geordnet. Bis in die 1920er Jahre wurden die Akten nach Sachbegriffen, Orts- und Personennamen katalogisiert. Das Archiv entwickelte sich zu einem Ort der Begegnung mit wissenschaftlichem Anspruch.
Unmittelbar nach dem „Anschluss“ Österreichs an Hitler-Deutschland im März 1938 wurde die IKG Wien gezwungen, den Archivbetrieb einzustellen. Die IKG und ihr Archiv kamen unter die vollständige Kontrolle der Zentralstelle für jüdische Auswanderung und der Gestapo. 1938/1939 beschlagnahmte die Gestapo umfangreiche Archivbestände sowie Manuskripte und brachte sie nach Berlin von wo sie auf Grund der Bombenangriffe im Sommer 1943 nach Schlesien übersiedelt wurden. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges entdeckte sie die Rote Armee und nahm sie als sogenannte Beuteakten nach Moskau mit (-> Osobyi Archiv). 

Das Jüdische Gemeindearchiv war mit Ende des Zweiten Weltkrieges nicht mehr existent. Die Archivbestände waren in einem erbärmlichen Zustand und lagerten in feuchten Kellerräumen. Die gesamte Struktur und Ordnung war komplett zerstört. Eine Neuordnung des Archivs bzw. dessen Neuaufbau war zu diesem Zeitpunkt nicht möglich. Aus diesem Grund stimmte 1951 das Präsidium der IKG Wien nach eineinhalb jähriger Bedenkzeit zu, Teile des Archivs nach Jerusalem zu bringen und sie den Central Archives (früher General Archives) unentgeltlich als Leihgabe zur Verfügung zu stellen. Die erste Übersendung von Archivgut erfolgte 1952, weitere Tranchen in den Jahren 1966, 1971 und 1978. Darunter befinden sich Protokolle, Schriftstücke und Akten für die Bereiche Verwaltung, Finanzen, Bauwesen, Matrikelführung, Friedhof, Unterricht, Kultusangelegenheiten, Stiftungen, Fürsorge, Vereine, Auswanderung etc. (siehe http://cahjp.huji.ac.il/).

Bis Ende der 1990er Jahre gab es keine Überlegungen, ein Archiv zu gründen bzw. über den Verbleib des restlichen Archivmaterials (jenes Teils, der nicht leihweise an die Central Archives übergeben wurde) nachzuforschen. Erst auf Initiative des damaligen Präsidenten der IKG Wien, Dr. Ariel Muzicant, und der Exekutivdirektorin des Präsidiums, Erika Jakubovits, wurde ab 1998 gezielt gesucht. Im Jahr 2000 wurden umfassende Bestände in einem alten Gebäude der IKG Wien in der Herklotzgasse im 15. Wiener Gemeindebezirk wiedergefunden. Es handelte sich dabei um jenes „verschollene“ Archivmaterial, das bereits 1986 bei Renovierungsarbeiten im Keller unterhalb der Synagoge in der Seitenstettengasse durch Ernst Meir Stern entdeckt worden war, allerdings nach der Bergung wieder in Vergessenheit geriet.
Das wieder entdeckte Archivmaterial wurde unmittelbar nach der Auffindung im Jahr 2000 in die Räumlichkeiten der damaligen „Anlaufstelle für Jüdische NS-Verfolgte in und aus Österreich und deren Nachkommen“ transportiert und provisorisch eingelagert. In den mehr als 800 Kartons befanden sich u.a. 500.000 Dokumente aus der NS-Zeit – wichtiges Archivmaterial für die Erforschung der Shoah mit personenbezogenen Karteien, Registerbüchern, Berichten und Korrespondenzen. Diese waren mit Unterlagen aus der Zeit vor 1938 sowie nach 1945 vermischt. Ein Teil des auf den Holocaust bezogenen Archivmaterials wurde in den Jahren von 2001 bis 2008 für verschiedene interne und externe Projekte gesichtet, geordnet und in provisorischen Listen und Datenbanken erfasst. Mehr als drei Viertel der Dokumente konnten mit finanzieller Unterstützung des United States Holocaust Memorial Museum (USHMM) mikroverfilmt werden.
Im Zuge dieser Tätigkeiten wurde die Existenz und damit einhergehend die Einzigartigkeit des Archivs von Jahr zu Jahr bewusster wahrgenommen. Mehr als 70 Jahre nach der Auflösung durch die Nationalsozialisten wurde Anfang 2009 das Archiv als eigene Abteilung wieder begründet und damit dessen Bedeutung für die Kultusgemeinde unterstrichen.

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Geschichte bis 1938

Am 30. Juni 1816 fassten die Vertreter der Jüdischen Gemeinde in Wien den Beschluss, alle Aktenstücke (Patente, kaiserliche Erlässe und Verordnungen, welche die Rechte und Pflichten der ortsansässigen Juden regelten) der „hiesigen Israeliten“ durch einen Aktuar (Schreiber/Sekretär) zusammenzulegen und aufzubewahren. Grund dafür waren immer wiederkehrende Unstimmigkeiten betreffend die Gültigkeit von behördlichen und kaiserlichen Erlässen sowie früher gewährten Privilegien, welche die Rechte und Pflichten der ortsansässigen Jüdinnen und Juden regelten. Der Beschluss aus dem Jahr 1816 gilt als die „Geburtsstunde“ des Archivs. Die konkrete Realisierung und der Aufbau eines Archivs erfolgten in den Jahrzehnten danach. 
Anfang der 1840er Jahre verlieh der damalige Aktuar Ludwig August Frankl von Hochwart der Registratur „Archivcharakter“ und sorgte für die Unterbringung der Archivalien in einem Raum im zweiten Wiener Gemeindebezirk, Czerningasse 4. Zu diesem Zeitpunkt gab es 22 Aktenstücke aus der Zeit von 1626 bis 1805 und rund 10.000 Aktenstücke aus der Zeit ab 1806.

Unter der Leitung von Dr. Siegmund Husserl schaffte das Archiv im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts den Sprung zu einer nach wissenschaftlichen Grundsätzen geführten Institution. Husserl legte ein Konzept einer umfassenden Archivverwaltung mit einer parallel laufenden Registratur vor. Seine Vorschläge stießen jedoch bei den Vorstandsmitgliedern nicht immer auf Wohlwollen und wichtige Entscheidungen wurden verschoben. Seinen Plan zur Gründung eines „Zentralarchivs der österreichisch-jüdischen Kultusgemeinden“ konnte er nicht verwirklichen.
Die Anfang des 20. Jahrhunderts gegründete Historische Kommission der IKG Wien unterstützte die Sammeltätigkeit des Archivs. Das Hauptaugenmerk dieser Kommission lag in erster Linie in der Erforschung und Aufarbeitung der Geschichte der Jüdinnen und Juden in Österreich. Zu diesem Zweck wurden sämtliche in österreichischen Archiven verfügbaren historischen Quellen zu diesem Thema identifiziert und gesammelt.

Husserls Nachfolger Dr. Heinrich Pinkas strebte eine Archivordnung und Reorganisation sowie die Einführung der „Kanzleiregistratur“ an. Seine Bemühungen wurden jedoch durch den Ersten Weltkrieg unterbrochen. Das Archiv befand sich nach Kriegsende 1918 zufolge der Schilderungen des Historikers Dr. Alfred F. Přibram in einem chaotischen Zustand und die räumliche Situation war mangelhaft. Anfang der 1920er Jahre wurde ein Fachkomitee im Rahmen der Historischen Kommission zum Zwecke der Reorganisation des Archivs einbezogen. Nach mehreren Jahren der Diskussion, diversen Inspektionen sowie vielfältigen Lösungsansätzen wurde im April 1925 der Bibliotheksbeamte Saul Chajes als neuer Archivar eingesetzt. Unter seiner Leitung waren erste Erfolge bei der Umstrukturierung erkennbar. Es erfolgte eine chronologische Ordnung der Akten und Schriftstücke bis 1860, eine Ordnung nach Jahrgängen und Exhibitenzahlen für Akten bis 1926 und parallel dazu die Katalogisierung nach Schlagworten, Orts- und Personennamen. Das Archiv selbst wurde in Räumen des IKG-Gebäudes in der Seitenstettengasse 2 im ersten Wiener Gemeindebezirk untergebracht.
Durch das Anwachsen der Archivbestände wurde die Raumnot immer größer. Aus diesem Grund beschloss der Kultusvorstand, das Archiv im Juni 1934 in neue Räumlichkeiten im zweiten Wiener Gemeindebezirk in der Ferdinandstraße 23 zu übersiedeln. In dessen unmittelbarer Umgebung befand sich auf der einen Seite des Gebäudekomplexes der Leopoldstädter Tempel (die zweite in Wien erbaute Synagoge), die Gemeindebibliothek, das Jüdische Museum und im gegenüberliegenden Gebäude war die 1893 eröffnete Israelitisch-Theologische Lehranstalt untergebracht. Zu dieser Zeit war das Archiv Begegnungsort nationaler und internationaler WissenschaftlerInnen.

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Geschichte von 1938 bis 1945

Die Kontinuität der Tätigkeiten im Archiv wurde unmittelbar nach dem „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich im März 1938 jäh unterbrochen. Die IKG und ihr Archiv kamen unter die vollständige Kontrolle der Zentralstelle für jüdische Auswanderung und der Gestapo. Zu diesem Zeitpunkt war Dr. Leopold Moses, der damalige Archivleiter, damit beschäftigt, einen Archivindex zu erstellen. Bei dieser Tätigkeit wurde Moses abrupt unterbrochen. Adolf Eichmann untersagte ab Juli 1938 den Archivbetrieb. Lediglich Leopold Moses hatte Zutritt, um die Matriken- und Registerbücher sowie personenbezogene Akten und Karteien zum Zweck der Beantwortung von „genealogischen“ Anfragen der Zentralstelle oder der Gestapo durchzusehen. Die Nationalsozialisten bedienten sich dieser Materialien, um die Verfolgung der jüdischen Bevölkerung zu organisieren.

 

1938/1939 kam es zu weiteren massiven Eingriffen als die Gestapo einen Großteil der Archivbestände, Hebraica und Handschriften der Jüdischen Gemeinde sowie zahlreicher jüdischer Vereine und Institutionen beschlagnahmte. Die konfiszierten Akten und Archivalien wurden nach Berlin in das Reichssicherheitshauptamt gebracht, um sie dort rassenideologischen Forschungszwecken zuzuführen. Als im Sommer 1943 die Bombenangriffe intensiver wurden, übersiedelten die NS-Behörden die Archivbestände nach Schlesien, wo sie nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges von der Roten Armee entdeckt und als sogenannte Beuteakten nach Moskau ins Osobyi Archiv transportiert wurden.

Die von den Nationalsozialisten ab Mai 1938 erzwungene Umstrukturierung des Verwaltungsablaufes der IKG Wien brachte eine Flut von Akten und Schriftstücken, Karteien und Berichten mit sich, die im Archiv nicht mehr methodisch abgelegt oder eingeordnet werden konnten. Dr. Leopold Moses wurde am 14. Oktober 1943 verhaftet und am 1. Dezember 1943 nach Auschwitz deportiert und ermordet.
Das Jüdische Gemeindearchiv mit wissenschaftlichem Anspruch, das auf Basis fundierter Ordnungs- und Erschließungstätigkeiten im Laufe der Jahrzehnte sukzessive an Bedeutung gewonnen hatte, war mit Ende des Zweiten Weltkrieges nicht mehr existent. Es dauerte mehr als 60 Jahre, bis ein Neubeginn und somit ein Wiederaufbau des Archivs in Wien beschlossen wurde.

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Geschichte nach 1945

Nach 1945 wurde das Archiv der Kultusgemeinde Wien nicht wieder eingerichtet. Die neu konstituierte IKG Wien hatte große Bedenken, ob sich jemals wieder eine blühende jüdische Gemeinde wie vor dem „Anschluss“ etablieren könne. Über 120.000 österreichische Jüdinnen und Juden hatten die Flucht vor dem NS-Regime ergriffen, 48.000 wurden allein aus Österreich in Konzentrations- und Vernichtungslager deportiert. Insgesamt wurden 65.000 österreichische Jüdinnen und Juden von den Nationalsozialisten ermordet. Nach 1945 stand die Kultusgemeinde vor enormen Herausforderungen und ihre vorrangigen Interessen galten der Frage, wie nach Wien zurückkehrenden Jüdinnen und Juden, KZ-Überlebenden oder Angehörigen der im Holocaust Ermordeten geholfen werden konnte. Eine Neuordnung des Archivs bzw. dessen Neuaufbau war daher von geringerer Priorität. Darüber hinaus waren die Bestände nach 1945 in einem erbärmlichen Zustand und lagerten in feuchten Kellerräumen. Die gesamte Struktur und Ordnung, so wie sie vor 1938 bestanden hatte, war komplett zerstört.

Laut Bericht aus dem Jahr 1979 von Dr. Avshalom Hodik, ehemaliger Bibliothekar sowie ab 1982 Amtsdirektor der IKG Wien, machte Dr. Alex Bein, Direktor des Zionistischen Archivs in Jerusalem, bereits im Dezember 1949 den Vorschlag machte, die Wiener Archivbestände nach Jerusalem zu transferieren, damit sie wissenschaftlich bearbeitet werden. Die Haltung der IKG Wien gegenüber dem Transfer nach Jerusalem war anfangs eher ablehnend. Eineinhalb Jahre später, angesichts der prekären Situation der Kultusgemeinde in der Nachkriegszeit sowie im Bewusstsein, dass die Dokumente in Wien nicht sachgerecht aufbewahrt werden können, stimmte das Präsidium der IKG Wien 1951 zu, einen umfangreichen Teil der Archivalien der Institution „The Jewish Historical General Archives“ (heute: „The Central Archives for the History of the Jewish People in Jerusalem“) unentgeltlich als Leihgabe zur Verfügung zu stellen. Die erste Übersendung von Archivgut nach Jerusalem erfolgte 1952, weitere Tranchen in den Jahren 1966, 1971 und 1978.

Die Zerstörung des historisch gewachsenen Archivs durch die Nationalsozialisten, die mehrmalige Dislozierung der Akten und Manuskripte nach Berlin, über Schlesien und später Moskau sowie die Leihgabe der Archivalien nach Jerusalem haben bis heute weitreichende Folgen in Hinblick auf den vor rund fünfzehn Jahren beschlossenen Wiederaufbau eines Jüdischen Gemeindearchivs in Wien. Die Ausgangslage für eine Wiederbegründung war bis Ende der 1990er Jahre denkbar ungünstig. Bis zu diesem Zeitpunkt – insgesamt über 50 Jahre lang – gab es keine Überlegungen, ein Archiv zu gründen bzw. über den Verbleib des restlichen Archivmaterials (jenes Teils, der nicht leihweise an die Central Archives übergeben wurde) nachzuforschen. Erst auf Initiative des damaligen Präsidenten der IKG Wien, Dr. Ariel Muzicant, und der Exekutivdirektorin des Präsidiums, Erika Jakubovits, wurde ab 1998 gezielt gesucht. Im Jahr 2000 wurden umfassende Bestände in einem alten Gebäude der IKG Wien in der Herklotzgasse im 15. Wiener Gemeindebezirk wiedergefunden. Es handelte sich dabei um jenes „verschollene“ Archivmaterial, das bereits 1986 bei Renovierungsarbeiten im Keller unterhalb der Synagoge in der Seitenstettengasse durch Ernst Meir Stern entdeckt worden war, allerdings nach der Bergung wieder in Vergessenheit geriet.
Das aus mehr als 800 Kartons und hunderten Büchern bestehende Archivmaterial wurde unmittelbar nach der Auffindung im Jahr 2000 in die Räumlichkeiten der damaligen „Anlaufstelle für Jüdische NS-Verfolgte in und aus Österreich und deren Nachkommen“ transportiert und provisorisch eingelagert. Es umfasste u.a. 500.000 Dokumente aus der NS-Zeit, personenbezogene Karteien, Registerbücher, Berichte und Korrespondenz. Diese waren mit Unterlagen aus der Zeit vor 1938 sowie nach 1945 vermischt. Ein Teil des auf den Holocaust bezogenen Archivmaterials wurde in den Jahren von 2001 bis 2008 für verschiedene interne und externe Projekte gesichtet, geordnet und in provisorischen Listen und Datenbanken erfasst. Mehr als drei Viertel der Dokumente konnten mit finanzieller Unterstützung des United States Holocaust Memorial Museum (USHMM) mikroverfilmt werden.
Im Zuge dieser Tätigkeiten wurde die Existenz und damit einhergehend die Einzigartigkeit des Archivs von Jahr zu Jahr bewusster wahrgenommen. Mehr als 70 Jahre nach der Auflösung durch die Nationalsozialisten wurde Anfang 2009 das Archiv als eigene Abteilung der IKG Wien wieder begründet und damit dessen Bedeutung für die Kultusgemeinde unterstrichen.

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