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Deportationen

Der Begriff „Deportationen“ beschreibt hier die von den Nationalsozialisten organisierte zwangsweise Verbringung von Jüdinnen und Juden in Konzentrations- und Vernichtungslager, Ghettos oder Zwangsarbeitsorte.

Die ersten Deportationen, von denen ausschließlich Juden betroffen waren, wurden in den Tages des Novemberpogroms 1938 von den Nationalsozialisten durchgeführt, tausende Personen wurden verhaftet, ca. 4000 in das Konzentrationslager Dachau und von dort teilweise in das Konzentrationslager Buchenwald verschleppt. Im Kontext der zu diesem Zeitpunkt vom NS-Regime forcierten Vertreibungspolitik (=“Auswanderung“) der jüdischen Bevölkerung wurden diese jüdischen Häftlinge gezwungen, ihr Eigentum abzutreten und zu versichern, nach Entlassung aus der Konzentrationslagerhaft schnellstmöglich das Deutsche Reich zu verlassen; die IKG Wien mussten die Gefangenen unterstützen. Ebenfalls in Zusammenhang mit den nationalsozialistischen Zwangsumsiedlungen der Jüdinnen und Juden sind die Deportationen nach Nisko am San zu sehen. Nach dem deutschen Überfall auf Polen planten SS-Männer um Adolf Eichmann die Errichtung eines „Judenreservates“ in den besetzten Gebieten Ostpolens. Unter Druck der „Zentralstelle für jüdische Auswanderung“ mussten Mitarbeiter der Israelitischen Kultusgemeinde Wien Personenlisten für erste Transporte nach Nisko zusammenstellen. Diese sollten die Infrastruktur für das geplante „Reservat“ schaffen.

Die nationalsozialistische Politik der Vertreibung schwenkte spätestens ab Frühjahr 1941 in eine Politik des Massenmordes um: Auf Veranlassung von NS-Behörden wurden erste Transporte in Ghettos in Polen zusammengestellt, die Deportation der gesamten jüdischen Bevölkerung, die zuvor in Sammelwohnungen ziehen musste, an Orte der Vernichtung hatte begonnen. Eine Besonderheit stellten die Transporte in das Ghetto Terezín/Theresienstadt dar, das propagandistisch als „Altersghetto“ bezeichnet wurde, tatsächlich aber u.a. als Transitort für weitere Transporte in Vernichtungslager diente. In der letzten Phase der NS-Herrschaft, in den Jahren 1944/45, wurden ungarische Jüdinnen und Juden auf das Gebiet der heutigen Republik Österreich deportiert und mussten in verschiedenen Betrieben Zwangsarbeit leisten; die jüdische Gemeinde musste Unterstützungsaufgaben bei der Betreuung der ZwangsarbeiterInnen übernehmen.

Die Israelitische Kultusgemeinde Wien bzw. der Ältestenrat der Juden in Wien wurde von der Gestapo und der „Zentralstelle für jüdische Auswanderung“ gezwungen, personenbezogenen Dokumenten als Grundlage für die Deportationen zur Verfügung zu stellen. Auf Basis dieser Schriftstücke wurden die Deportationslisten erstellt, die zusammen mit anderen Akten zu den Transporten aus Wien heute im Archiv der IKG-Wien aufbewahrt werden. Jede Deportationsliste enthält personenbezogene Daten zu rund 1000 Menschen – Männern, Frauen und Kindern.

Ende Oktober 1942 wurde die IKG Wien geschlossen und durch den „Ältestenrat der Juden in Wien“ ersetzt.

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Deportationen 1938/1939

Deportationen im Rahmen des Novemberpogroms 1938

Das erste Jahr der NS-Herrschaft in Österreich war durch antisemitische Ausschreitungen geprägt, die in den als „Reichskristallnacht“ verharmlosend bezeichneten Pogromen in der Nacht vom 9. auf den 10. November kulminierten. Diese Ausschreitungen, bei denen Jüdinnen und Juden misshandelt und ermordet sowie Synagogen und Geschäfte jüdischer BesitzerInnen zerstört wurden, stellen den vorzeitigen Höhepunkt antijüdischer Gewalt dar. Im Rahmen der Novemberpogrome verhafteten Nationalsozialisten fast 4000 Juden und deportierten sie in das Konzentrationslager (KL) Dachau und von dort teilweise nach Buchenwald. Dies waren die ersten systematischen Deportationen österreichischer Juden in KLs.
Die deportierten Juden konnten aus der Lagerhaft entlassen werden, soweit sie schriftlich versicherten, das Reichsgebiet verlassen zu wollen und ihre Besitztümer dem Staat überschrieben. Die Israelitische Kultusgemeinde Wien, insbesondere die Fürsorgeabteilung, standen in Kontakt mit manchen der deportierten Juden und versuchten sie, soweit dies möglich war, zu unterstützen.
Das Archiv der IKG Wien verfügt über diverse Korrespondenzen mit deportierten Juden, Namensliste von unterstützen Konzentrationslagerhäftlingen, Sterbeurkunden aus den Konzentrationslagern Dachau und Buchenwald sowie Erhebungsblättern, die im Rahmen der Aktion Gildemeester(siehe Hilfsorganisationen) angelegt wurden.

Deportationen im Jahr 1939: Das geplante „Judenreservat“ in Nisko am San

Im Jahr 1939, nach dem deutschen Überfall auf Polen und somit dem Beginn des Zweiten Weltkrieges, entwickelte insbesondere Adolf Eichmann den Plan, Jüdinnen und Juden in ein sogenanntes Judenreservat in die besetzten Gebiete zu deportierten.
Die IKG Wien wurde über die „Zentralstelle für jüdische Auswanderung“ von diesem sogenannten Nisko-Plan in Kenntnis gesetzt. Sie wurde in weiterer Folge gezwungen, Listen von Personen vorzubereiten, die beim Aufbau des geplanten „Judenreservates“ mitwirken sollten. Es wurden auf der Grundlage der von der IKG unter Zwang bereitgestellten Namenslisten zwei Deportationszüge zusammengestellt, die am 20. Oktober 1939 (912 Personen) und 27. Oktober 1939 (672 Personen) von Wien nach Nisko fuhren.
Die Situation in Nisko am San war katastrophal: Die dorthin deportieren Juden mussten unter unmenschlichen Bedingungen die Grundlage des geplanten lagerähnlichen „Reservates“ aufbauen und Zwangsarbeit leisten. Viele der Deportierten wurden unter Todesdrohungen über die Demarkationslinie in die sowjetisch-besetzte Zone Polens getrieben. Ein Teil der nach Nisko verschleppten Wiener Juden wurde im April 1939 wieder nach Wien zurückgeschickt.
Mehrere Exemplare der beiden Deportationslisten der sogenannten Nisko-Transporte werden im Archiv der IKG Wien aufbewahrt. Zusätzlich befinden sich im Archiv Listen von Personen, die nach dem Abbruch des Nisko-Plans nach Wien zurückgeschickt wurden sowie Korrespondenzen und Aktennotizen von Mitarbeitern der Kultusgemeinde betreffend die Deportationen nach Nisko.

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Deportationen ab 1941

Deportationen ab 1941: Ghettos, Konzentrations- und Vernichtungslager

Im Frühjahr 1941 begannen die Nationalsozialisten mit der systematischen Deportation der österreichischen Jüdinnen und Juden, die bereits in den ersten Jahren nach dem „Anschluss“ zwangsweise nach Wien übersiedeln mussten. Die ersten Transporte gingen in den besetzten, nicht-annektierten Teil Polens, das sogenannte Generalgouvernement, in Ghettos in den Ortschaften Opole, Kielce, Modliborzyce, Opatow und Lagow. Diese Ghettos wurden in den folgenden Monaten aufgelöst und die dort eingesperrten Jüdinnen und Juden in Vernichtungslager deportiert und ermordet.

Zwischen dem 15. Oktober und 2. November 1941 organisierten die Nationalsozialisten die Deportation von rund 5000 Jüdinnen und Juden aus Wien in das Ghetto Łódź/Litmannstadt. Dort wurde ein großer Teil der Verschleppten weiter in das Vernichtungslager Chełmno/Kulmhof gebracht und ermordet. Die restlichen österreichischen Jüdinnen und Juden wurden beinahe ausnahmslos im Ghetto selbst oder nach dessen Auflösung im Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz ermordet. 15 weitere Deportationszüge aus Wien wurden in das sogenannte Reichskommissariat Ostland geschickt, die Deportierten kamen in die Ghettos Kaunas, Riga und Minsk bzw. wurden an Vernichtungsorten wie Maly Trostinec direkt nach ihrer Ankunft ermordet.

Im Frühjahr 1942, im Kontext der „Aktion Reinhard“, also der Vernichtung der Jüdinnen und Juden auf polnischem Gebiet, organisierten die Nationalsozialisten Transporte nach Izbica und Wlodawa, beides Transitorte, die auf dem Weg in die Vernichtungslager Bełżec und Sobibór lagen. Zusätzlich verließ am 17. Juli 1942 ein Transport Wien mit dem Ziel Auschwitz.

Personenbezogene Dokumente der Israelitischen Kultusgemeinde Wien bzw. später des Ältestenrates der Juden in Wien wurden von den Nationalsozialisten als Grundlage für die Zusammenstellung der Deportationszüge verwendet. Zusätzlich war die IKG Wien für das Erscheinen der auf den Deportationslisten verzeichneten Personen am Wiener Aspangbahnhof verantwortlich, von wo aus die Transporte in den Tod losfuhren. Heute befinden sich im Archiv der IKG Wien Durchschläge der Deportationslisten. Weitere Quellen zu den Deportationen sind die Hauslisten, auf denen jüdische MieterInnen verzeichnet wurden und im Falle ihrer Deportation gestrichen wurden, sowie Personalkarten der Kultusgemeinde, auf denen ebenfalls Deportationen der jeweiligen IKG-MitarbeiterInnen vermerkt wurden.

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Deportationen zur Zwangsarbeit: Ungarische Jüdinnen und Juden in Österreich

In den Jahren 1944/1945 organisierten die Nationalsozialisten – konträr zu ihrem Dogma, das Deutsche Reich „judenrein“ zu machen – Deportationen von ungarischen Jüdinnen und Juden auf das Gebiet des heutigen Österreichs. Das Motiv hinter diesen Verschleppungen war, die Deportierten als ZwangsarbeiterInnen in den Gauen Wien und Niederdonau auszunutzen. Mit dem Heranrücken der Roten Armee wurden die Zwangsarbeitsplätze sukzessive geräumt und die ungarischen Jüdinnen und Juden weiter in das Reichsinnere verschleppt, u.a. in das Konzentrationslager Mauthausen. Viele wurden auf diesen als Todesmärschen bezeichneten Routen von den Begleitmannschaften ermordet und am Weg verscharrt.

In Wien musste der Ältestenrat der Juden, die vormalige IKG Wien, die Betreuung der ungarisch-jüdischen ZwangsarbeiterInnen übernehmen. Die wenigen in Wien verbliebenen jüdischen Ärzte kümmerten sich um die Deportierten, jüdische Hilfsorganisationen versorgten sie mit Kleidungsstücken.

Das Archiv der IKG Wien verfügt über einzelne wenige, jedoch historisch umso bedeutendere Dokumente zu ungarisch-jüdischen ZwangsarbeiterInnen auf dem Gebiet des heutigen Österreich. Darunter befinden sich Korrespondenzen und Formulare betreffend die Versorgung von deportierten Jüdinnen und Juden, Namenslisten und Dokumente zu Todesfällen.

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