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Flucht und Vertreibung

Nach dem „Anschluss“ 1938 war die erste Phase der NS-Herrschaft in Österreich durch eine Politik der gezielten Vertreibung der jüdischen Bevölkerung geprägt. Tausende Jüdinnen und Juden versuchten, das Land zu verlassen. Die euphemistisch als Auswanderung bezeichnete Flucht musste von der IKG Wien unter Druck der Gestapo und der „Zentralstelle für jüdische Auswanderung“ organisiert werden. Im Mai 1938 gründete die IKG Wien deshalb die Auswanderungsabteilung, deren Aufgabenbereiche darin lagen, Jüdinnen und Juden bei der Organisation ihrer Flucht, v.a. bei der Beschaffung von Dokumenten und Devisen zu unterstützen.

Jüdinnen und Juden hatten die Möglichkeit, ab Mai 1938 einen Auswanderungsfragebogen (AFB) auszufüllen. Bevor sie tatsächlich fliehen konnten, mussten sie jedoch etliche Behördenwege absolvieren, Abgaben verrichten, Bestätigungen und Stempel einholen sowie Steuern und Gebühren bezahlen (Auswanderungsdiagramm). Visa hatten nur begrenzte Gültigkeit und im Falle des Ablaufens musste der gesamte Behördenweg wiederholt werden.

Der Amtsdirektor Josef Löwenherz versuchte gemeinsam mit dem Leiter der Auswanderungsabteilung Rabbiner Benjamin Murmelstein sowie dessen MitarbeiterInnen, einer möglichst großen Anzahl an Jüdinnen und Juden die organisierte Flucht zu ermöglichen. Manchen Eltern gelang es, ihre Kinder alleine ins Ausland zu retten. Andere schafften die Flucht mit Unterstützung der Jugendfürsorge der IKG Wien im Rahmen der sogenannten Kinderauswanderung. Neben der jüdischen Gemeinde existierten auch andere Auswanderungshilfsorganisationen, die antisemitisch Verfolgte bei ihrer Flucht unterstützten.

Die erhaltenen Dokumente zu den Themen Flucht und Vertreibung umfassen Materialien der Fürsorgezentrale der IKG Wien, Abteilung Auswanderung, der Devisenstelle sowie der Amtsdirektion der IKG Wien. Von herausragender Bedeutung hinsichtlich der enthaltenen Informationen sind die rund 45.000 personenbezogenen Auswanderungsfragebögen und die dazugehörigen Karteien. Außerdem sind Unterlagen zu den Kindertransporten erhalten, des Weiteren Berichte, Weisungen, Memoranden, Statistiken, Listen, Korrespondenz sowie diverse Auswanderungsdiagramme und Dokumente von Hilfsorganisationen.

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Auswanderungsabteilung

In den Jahren von 1938 bis 1940 war das Ziel der antijüdischen Politik des NS-Regimes die systematische Vertreibung der Jüdinnen und Juden aus dem Deutschen Reich. Zu diesem Zwecke zwangen u.a. die „Zentralstelle für jüdische Auswanderung“ und die Gestapo, die jüdischen Gemeinden zur Kooperation und die IKG Wien musste im Mai 1938 eine eigene Auswanderungsabteilung innerhalb der Fürsorgezentrale gründen, deren MitarbeiterInnen täglich vor enormen Herausforderungen standen und unter dem Druck der Nationalsozialisten großer Gefahr ausgesetzt waren.

Die Auswanderungsabteilung der IKG Wien sowie deren Provinzreferate waren für die Organisation der systematischen Emigration der jüdischen Bevölkerung verantwortlich. Jüdinnen und Juden konnten sich registrieren und beraten lassen. MitarbeiterInnen der Auswanderungsabteilung waren insbesondere für die Erfassung der personenbezogenen Daten, die beratende Begleitung bei Behörden, das Beschaffen von Devisen und die Dokumentation der eigenen Arbeit verantwortlich. Darüber hinaus stellten sie Information zu anderen Hilfsorganisationen zur Verfügung.

 

Der Abteilungsleiter Rabbiner Benjamin Murmelstein musste mit nationalsozialistischen Behörden in Kontakt treten, deren Weisungen an die IKG Wien weitergeben und war für deren Umsetzung verantwortlich.

Das Archiv der IKG Wien verfügt heute über eine Reihe an Dokumenten dieser Abteilung, darunter statistische Aufstellungen, Korrespondenzen, Erhebungsbögen und Merkblätter. Ein zentraler Aktenbestand, der von dieser Abteilung erstellt wurde, sind die personenbezogenen Auswanderungsfragebögen.

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Kindertransporte

Der Begriff „Kindertransporte“ bezeichnet die unbegleitete Flucht von mehr als 10.000 Kindern und Jugendlichen, die von den Nationalsozialisten als Juden definiert wurden und zwischen November 1938 und dem 1. September 1939 per Zug oder Schiff nach England, Schweden, die USA, Holland, Belgien, Frankreich oder die Schweiz entkommen konnten. In vielen Fällen gelang den Eltern und Familienangehörigen die Flucht nicht. Weder die Kinder noch die Eltern wussten bei der Abreise, ob sie sich jemals wiedersehen würden.

Die NS-Behörden in Österreich übertrugen die Organisation der Kindertransporte der IKG Wien. Die Fürsorgezentrale der IKG Wien, Jugendfürsorge, Abteilung Kinderauswanderung, war Anlaufstelle für jüdische Eltern, die ihre Kinder zur Auswanderung anmelden wollten. Es wird angenommen, dass Informationen zu dieser Möglichkeit, Kinder in Sicherheit zu bringen, über Mund-zu-Mund Propaganda oder über Inserate in jüdischen Zeitschriften verbreitet wurden.

Nach der Anmeldung begann ein Wettlauf mit der Zeit, denn zahlreiche bürokratische Hürden mussten überwunden werden, bevor die Behörden ihre Zustimmung zu der Ausreise eines Kindes gaben. Aufgrund der begrenzten Aufnahmekapazitäten im Ausland und wegen der restriktiven Haltung der NS-Behörden mussten Eltern mehrerer Kinder entscheiden, welches ihrer Kinder die Reiserlaubnis erhalten sollte.

Zu den „Kindertransporten“ befinden sich im Archiv der IKG Wien u.a. Erhebungsbögen, Memoranden und Berichte sowie Korrespondenzen, Aufstellungen und Namenslisten über durchgeführte Kindertransporte.

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Dokumente zur Auswanderung

Die AFBs sind einzigartige personenbezogene Quellen zur Geschichte der jüdischen Bevölkerung Österreich. Sie sind neben ihrem Wert für die Wissenschaft auch hoch emotionale geschichtliche Zeugnisse der österreichischen Jüdinnen und Juden in Österreich kurz vor ihrer Vertreibung oder Vernichtung.
Im Mai 1938 musste die IKG Wien eine Auswanderungsabteilung gründen. Dort konnten sich Jüdinnen und Juden registrieren lassen, um aus dem Land zu flüchten. Der jeweilige Hausvorstand musste Angaben zu sich und seinen Familienangehörigen machen. Die Hausvorstände standen dabei vor schrecklichen Entscheidungen und Überlegungen: Welche Informationen sollten angegeben werden, um eine Flucht zu erleichtern, welche Angaben könnten eine Ausreise verhindern? Soll die ganze Familie gemeinsam ausreisen oder ist es chancenreicher, zu verschiedenen Zeitpunkten die Flucht anzutreten? Welche Zielländer sollten angegeben werden und mit welchen Aus- oder Fortbildungen ist es am ehesten möglich, dort hinzukommen?

Auf diesen zwischen 1938 und 1940 erstellen Fragebögen sind Daten zu mehr als 118.000 Jüdinnen und Juden verzeichnet, die versucht hatten, aus dem ehem. Österreich zu fliehen. AFBs von mehr als 45.000 AntragstellerInnen mit mehr als 75.000 Angehörigen sind in einer Datenbank erfasst und können auf Mikrofilm im Archiv der IKG Wien eingesehen werden. Die AFBs wurden alphabetisch und numerisch abgelegt, eine Kartei vereinfachte die Benutzung der Akten, die in vielen Fällen zusätzliche Dokumente als Anhang zu den Fragebögen enthalten.

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Auswanderungsdiagramm

Die „Auswanderungsdiagramme“ sind großformatige, aus mehreren Schablonen zusammengestellte graphische Darstellungen zum Stand der Emigration der jüdischen Bevölkerung aus der „Ostmark“. Die Auflösung der sogenannten Provinzgemeinden und die forcierte Umsiedelung der österreichischen Jüdinnen und Juden nach Wien wurden, neben anderen statistischen Daten, ebenfalls grafisch festgehalten.

Der Titel dieser Diagramme lautete: „Wanderung der Juden aus der Ostmark“. Sie umfassen, neben demographischen Statistiken, eine Vielzahl an Informationen. Vierteljährlich mussten im Auftrag von Adolf Eichmann die Daten zum Personenstand der jüdischen Bevölkerung, zu Geburten und Todesfällen, zu Umschulungsorten und zur Anzahl der noch existierenden und bereits aufgelösten Kultusgemeinden und jüdischen Vereinen adaptiert werden. Im Zentrum des Diagramms sind die Behördenwege, die Jüdinnen und Juden zur Flucht aus dem Reichsgebiet antreten mussten, dargestellt. Nach dem derzeitigen Informationsstand war für die Erstellung dieser Grafiken die Technische Abteilung der IKG Wien zuständig.

Die „Auswanderungsdiagramme“ illustrieren auf bedrückende Weise die wohldurchdachte und zentral geplante Vertreibungspolitik der Nationalsozialisten, die in Wien maßgeblich von der „Zentralstelle für jüdische Auswanderung“ unter der Leitung von Adolf Eichmann geprägt war, deren Rolle als wichtigste nationalsozialistische Vertreibungsinstitution auch im Diagramm selbst festgehalten ist. Die Vielzahl der angeführten Behörden und der damit verbunden Gebühren- und Steuerabgaben zeigen, dass die Vertreibung der jüdischen Bevölkerung auch gleichzeitig ihre systematische Beraubung bedeutete.

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