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Flucht und Vertreibung

Nach dem „Anschluss“ 1938 war die erste Phase der NS-Herrschaft in Österreich durch eine Politik der gezielten Vertreibung der jüdischen Bevölkerung geprägt. Tausende Jüdinnen und Juden versuchten, das Land zu verlassen. Die euphemistisch als Auswanderung bezeichnete Flucht musste von der IKG Wien unter Druck der Gestapo und der „Zentralstelle für jüdische Auswanderung“ organisiert werden. Im Mai 1938 gründete die IKG Wien deshalb die Auswanderungsabteilung, deren Aufgabenbereiche darin lagen, Jüdinnen und Juden bei der Organisation ihrer Flucht, v.a. bei der Beschaffung von Dokumenten und Devisen zu unterstützen.

Jüdinnen und Juden hatten die Möglichkeit, ab Mai 1938 einen Auswanderungsfragebogen (AFB) auszufüllen. Bevor sie tatsächlich fliehen konnten, mussten sie jedoch etliche Behördenwege absolvieren, Abgaben verrichten, Bestätigungen und Stempel einholen sowie Steuern und Gebühren bezahlen (Auswanderungsdiagramm). Visa hatten nur begrenzte Gültigkeit und im Falle des Ablaufens musste der gesamte Behördenweg wiederholt werden.

Der Amtsdirektor Josef Löwenherz versuchte gemeinsam mit dem Leiter der Auswanderungsabteilung Rabbiner Benjamin Murmelstein sowie dessen MitarbeiterInnen, einer möglichst großen Anzahl an Jüdinnen und Juden die organisierte Flucht zu ermöglichen. Manchen Eltern gelang es, ihre Kinder alleine ins Ausland zu retten. Andere schafften die Flucht mit Unterstützung der Jugendfürsorge der IKG Wien im Rahmen der sogenannten Kinderauswanderung. Neben der jüdischen Gemeinde existierten auch andere Auswanderungshilfsorganisationen, die antisemitisch Verfolgte bei ihrer Flucht unterstützten.

Die erhaltenen Dokumente zu den Themen Flucht und Vertreibung umfassen Materialien der Fürsorgezentrale der IKG Wien, Abteilung Auswanderung, der Devisenstelle sowie der Amtsdirektion der IKG Wien. Von herausragender Bedeutung hinsichtlich der enthaltenen Informationen sind die rund 45.000 personenbezogenen Auswanderungsfragebögen und die dazugehörigen Karteien. Außerdem sind Unterlagen zu den Kindertransporten erhalten, des Weiteren Berichte, Weisungen, Memoranden, Statistiken, Listen, Korrespondenz sowie diverse Auswanderungsdiagramme und Dokumente von Hilfsorganisationen.

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Auswanderungsabteilung

In den Jahren von 1938 bis 1940 war das Ziel der antijüdischen Politik des NS-Regimes die systematische Vertreibung der Jüdinnen und Juden aus dem Deutschen Reich. Zu diesem Zwecke zwangen u.a. die „Zentralstelle für jüdische Auswanderung“ und die Gestapo, die jüdischen Gemeinden zur Kooperation und die IKG Wien musste im Mai 1938 eine eigene Auswanderungsabteilung innerhalb der Fürsorgezentrale gründen, deren MitarbeiterInnen täglich vor enormen Herausforderungen standen und unter dem Druck der Nationalsozialisten großer Gefahr ausgesetzt waren.

Die Auswanderungsabteilung der IKG Wien sowie deren Provinzreferate waren für die Organisation der systematischen Emigration der jüdischen Bevölkerung verantwortlich. Jüdinnen und Juden konnten sich registrieren und beraten lassen. MitarbeiterInnen der Auswanderungsabteilung waren insbesondere für die Erfassung der personenbezogenen Daten, die beratende Begleitung bei Behörden, das Beschaffen von Devisen und die Dokumentation der eigenen Arbeit verantwortlich. Darüber hinaus stellten sie Information zu anderen Hilfsorganisationen zur Verfügung.

 

Der Abteilungsleiter Rabbiner Benjamin Murmelstein musste mit nationalsozialistischen Behörden in Kontakt treten, deren Weisungen an die IKG Wien weitergeben und war für deren Umsetzung verantwortlich.

Das Archiv der IKG Wien verfügt heute über eine Reihe an Dokumenten dieser Abteilung, darunter statistische Aufstellungen, Korrespondenzen, Erhebungsbögen und Merkblätter. Ein zentraler Aktenbestand, der von dieser Abteilung erstellt wurde, sind die personenbezogenen Auswanderungsfragebögen.

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Kindertransporte

Der Begriff „Kindertransporte“ bezeichnet die unbegleitete Flucht von mehr als 10.000 Kindern und Jugendlichen, die von den Nationalsozialisten als Juden definiert wurden und zwischen November 1938 und dem 1. September 1939 per Zug oder Schiff nach England, Schweden, die USA, Holland, Belgien, Frankreich oder die Schweiz entkommen konnten. In vielen Fällen gelang den Eltern und Familienangehörigen die Flucht nicht. Weder die Kinder noch die Eltern wussten bei der Abreise, ob sie sich jemals wiedersehen würden.

Die NS-Behörden in Österreich übertrugen die Organisation der Kindertransporte der IKG Wien. Die Fürsorgezentrale der IKG Wien, Jugendfürsorge, Abteilung Kinderauswanderung, war Anlaufstelle für jüdische Eltern, die ihre Kinder zur Auswanderung anmelden wollten. Es wird angenommen, dass Informationen zu dieser Möglichkeit, Kinder in Sicherheit zu bringen, über Mund-zu-Mund Propaganda oder über Inserate in jüdischen Zeitschriften verbreitet wurden.

Nach der Anmeldung begann ein Wettlauf mit der Zeit, denn zahlreiche bürokratische Hürden mussten überwunden werden, bevor die Behörden ihre Zustimmung zu der Ausreise eines Kindes gaben. Aufgrund der begrenzten Aufnahmekapazitäten im Ausland und wegen der restriktiven Haltung der NS-Behörden mussten Eltern mehrerer Kinder entscheiden, welches ihrer Kinder die Reiserlaubnis erhalten sollte.

Zu den „Kindertransporten“ befinden sich im Archiv der IKG Wien u.a. Erhebungsbögen, Memoranden und Berichte sowie Korrespondenzen, Aufstellungen und Namenslisten über durchgeführte Kindertransporte.

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Dokumente zur Auswanderung

Die AFBs sind einzigartige personenbezogene Quellen zur Geschichte der jüdischen Bevölkerung Österreich. Sie sind neben ihrem Wert für die Wissenschaft auch hoch emotionale geschichtliche Zeugnisse der österreichischen Jüdinnen und Juden in Österreich kurz vor ihrer Vertreibung oder Vernichtung.
Im Mai 1938 musste die IKG Wien eine Auswanderungsabteilung gründen. Dort konnten sich Jüdinnen und Juden registrieren lassen, um aus dem Land zu flüchten. Der jeweilige Hausvorstand musste Angaben zu sich und seinen Familienangehörigen machen. Die Hausvorstände standen dabei vor schrecklichen Entscheidungen und Überlegungen: Welche Informationen sollten angegeben werden, um eine Flucht zu erleichtern, welche Angaben könnten eine Ausreise verhindern? Soll die ganze Familie gemeinsam ausreisen oder ist es chancenreicher, zu verschiedenen Zeitpunkten die Flucht anzutreten? Welche Zielländer sollten angegeben werden und mit welchen Aus- oder Fortbildungen ist es am ehesten möglich, dort hinzukommen?

Auf diesen zwischen 1938 und 1940 erstellen Fragebögen sind Daten zu mehr als 118.000 Jüdinnen und Juden verzeichnet, die versucht hatten, aus dem ehem. Österreich zu fliehen. AFBs von mehr als 45.000 AntragstellerInnen mit mehr als 75.000 Angehörigen sind in einer Datenbank erfasst und können auf Mikrofilm im Archiv der IKG Wien eingesehen werden. Die AFBs wurden alphabetisch und numerisch abgelegt, eine Kartei vereinfachte die Benutzung der Akten, die in vielen Fällen zusätzliche Dokumente als Anhang zu den Fragebögen enthalten.

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Auswanderungsdiagramm

Die „Auswanderungsdiagramme“ sind großformatige, aus mehreren Schablonen zusammengestellte graphische Darstellungen zum Stand der Emigration der jüdischen Bevölkerung aus der „Ostmark“. Die Auflösung der sogenannten Provinzgemeinden und die forcierte Umsiedelung der österreichischen Jüdinnen und Juden nach Wien wurden, neben anderen statistischen Daten, ebenfalls grafisch festgehalten.

Der Titel dieser Diagramme lautete: „Wanderung der Juden aus der Ostmark“. Sie umfassen, neben demographischen Statistiken, eine Vielzahl an Informationen. Vierteljährlich mussten im Auftrag von Adolf Eichmann die Daten zum Personenstand der jüdischen Bevölkerung, zu Geburten und Todesfällen, zu Umschulungsorten und zur Anzahl der noch existierenden und bereits aufgelösten Kultusgemeinden und jüdischen Vereinen adaptiert werden. Im Zentrum des Diagramms sind die Behördenwege, die Jüdinnen und Juden zur Flucht aus dem Reichsgebiet antreten mussten, dargestellt. Nach dem derzeitigen Informationsstand war für die Erstellung dieser Grafiken die Technische Abteilung der IKG Wien zuständig.

Die „Auswanderungsdiagramme“ illustrieren auf bedrückende Weise die wohldurchdachte und zentral geplante Vertreibungspolitik der Nationalsozialisten, die in Wien maßgeblich von der „Zentralstelle für jüdische Auswanderung“ unter der Leitung von Adolf Eichmann geprägt war, deren Rolle als wichtigste nationalsozialistische Vertreibungsinstitution auch im Diagramm selbst festgehalten ist. Die Vielzahl der angeführten Behörden und der damit verbunden Gebühren- und Steuerabgaben zeigen, dass die Vertreibung der jüdischen Bevölkerung auch gleichzeitig ihre systematische Beraubung bedeutete.

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  1. So verwenden sie die Zeitleiste

    Die Punkte auf der Zeitleiste stellen historisch wichtige Ereignisse des Archivs der Kultusgemeinde Wien dar und geben Ihnen einen Überblick über die zeitliche Einordnung des unten dargestellten Exponats. Durch den Klick auf einen der Punkte erhalten Sie mehr Informationen.

  2. 2. Jänner 1782

    Toleranzpatent Josephs II. .

    Das Toleranzpatent für die Juden in Wien und in Niederösterreich ermöglichte einzelnen jüdischen Familien unter Abgabe eines Zinses, sich in Wien anzusiedeln, bestimmten Gewerben nachzugehen und ihren Glauben im Privaten auszuüben sowie ihren Kindern Religionsunterricht erteilen zu lassen.

  3. Begründung der Gemeindebibliothek.

    Der Buchdrucker Anton Schmid, der eine Lizenz zum Drucken hebräischer Werke hatte, welche durch die Zensur streng begutachtet wurden, überließ den Wiener Juden aus Dankbarkeit für zahlreiche Aufträge 133 Drucke. Diese bildeten den Grundstock der bis heute bestehenden Gemeindebibliothek.

    1814 bis 1815

    Wiener Kongress.

    Durch den Einfluss des Code Civil kamen die Juden in Europa der Gleichstellung näher. Bei der Reorganisation waren die Juden im Habsburgerreich dem Kaiser gegenüber loyal, sie hofften auf weitere Fortschritte. Jedoch wurden mit dem Scheitern der Demokratisierung die Zugeständnisse eingeschränkt.

  4. 30. Juni 1816

    Gründung des Wiener Jüdischen Archivs .

    Aufgrund wiederholter Unstimmigkeiten betreffs Gültigkeit von Erlässen, welche die Rechte und Pflichten der ortsansässigen Juden regelten, beschlossen am 30. Juni 1816 die Vertreter der Wiener Judenschaft, ihre Aktenstücke durch einen Aktuar zu sammeln und aufzubewahren.

  5. 12. Dezember 1825

    Grundsteinlegung des Wiener Stadttempels.

    Die Grundsteinlegung des Wiener Stadttempels am 12. Dezember 1825 erfolgte durch Rabbiner Isak Noa Mannheimer. Die Synagoge wurde nach den Plänen von Josef Kornhäusel errichtet und den damaligen Bauvorschriften folgend, von außen nicht sichtbar in ein Wohnhaus integriert.

    Einführung des Wiener Ritus .

    Mannheimer und Sulzer waren mit Krisen zwischen Orthodoxie und Reformern konfrontiert. Die Spaltung der Gemeinde konnte durch eine Gottesdienstordnung, die hebräische Gebete, deutsche Predigten sowie den Verzicht auf die beliebte Orgel, aber die Einführung eines Chors vorsah, verhindert werden.

  6. 9. April 1826

    Einweihung des Wiener Stadttempels.

    Mit der Errichtung des Stadttempels in der Seitenstettengasse im ersten Wiener Bezirk gelang es den Wiener Juden erstmals seit der Vertreibung 1670, wieder ein geistiges und religiöses Zentrum zu errichten. Als erster Rabbiner wirkte hier Isak Noa Mannheimer, als erster Kantor Salomon Sulzer.

  7. 31. Oktober 1827

    Erste Registratur-Verordnung.

    Unter dem Aktuar Josef Veith wurde eine Ausführungsverordnung für die Archiv-Registratur beschlossen, die beinhaltete, dass zu jeder Archivalie ein Regest erstellt werden solle. Außerdem wurde er angewiesen, für das bisher gesammelte Archivgut einen Schrank zu erwerben.

  8. Ludwig August Frankl wird Aktuar.

    Ab den 1840er Jahren verlieh Ludwig August Frankl von Hochwart der Registratur „Archivcharakter“ und verbrachte die Archivalien nach 1020 Wien, Czerningasse 4. Die Akten wurden nach Herkunft geordnet und katalogisiert. Dies betraf 22 Stücke von 1626 bis 1805 und rund 10.000 aus der Zeit ab 1806.

  9. Gründung der Israelitischen Kultusgemeinde Wien .

    In Folge der bürgerlichen Revolution 1848 kam es 1849 zu einer Begegnung mit dem Kaiser, in der die Gemeindegründung beschlossen wurde. 1852 wurden ihre provisorischen Statuten genehmigt. Damit gewann die Institution ihre Autonomie zur Regelung ihrer politischen Angelegenheiten und in Kultusfragen.

  10. 1857 bis 1910

    Hungersnöte in Galizien.

    Aufgrund schwerer Hungersnöte wanderten große Teile der Bevölkerung Galiziens aus. Viele galizische Juden zogen nach Wien. Wegen verschiedener ritueller Traditionen führte dies einerseits zu Spannungen in der Gemeinde, andererseits zu einer verstärkten internen kulturellen Auseinandersetzung.

  11. 21. Dezember 1867

    Staatsgrundgesetz (RGBl. 142/1867) .

    Das „Staatsgrundgesetz über die allgemeinen Rechte der Staatsbürger für die im Reichsrate vertretenen Königreiche und Länder“ verlieh den Juden erstmals das Recht, ihren Aufenthaltsort im Habsburgerreich frei zu wählen, die ungehinderte Religionsausübung und sorgte für gesetzliche Gleichstellung.

  12. 10. Juli 1868

    Eigenständige Matrikenführung der IKG Wien.

    Per Gesetz betreffend die Beweiskraft der Geburts-, Trauungs- und Sterbematriken der Israeliten (RGBl. Nr. 12/1869) wurde die eigenständige Matrikenführung staatlich anerkannt. Ab diesem Zeitpunkt führten staatlich beeidete Matrikenführer die Personenstandsbücher. Diese werden bis heute fortgeführt.

  13. Kultusstreit zwischen Orthodoxen und Liberalen in der IKG Wien.

    Nach Annahme einer Reform des Kultus durch liberal fortschrittliche Kräfte unter der Führung Ignaz Kurandas kam es zum Kultusstreit. Die Orthodoxen unter der Führung Rabbiners Salomon Spitzer wollten aus der Gemeinde ausscheiden. Durch Kompromisse konnte die Spaltung der Gemeinde verhindert werden.

  14. 1881 bis 1906

    Pogrome in Russland.

    In Russland fanden verheerende Pogrome an der jüdischen Bevölkerung statt. Die IKG Wien beteiligte sich an Hilfsaktionen für die Opfer und Flüchtigen sowie an Protestaktionen gegen die von den russischen Geheimdiensten gesteuerten Gewalttaten.

  15. 21. März 1890

    Israelitengesetz.

    Mit dem „Gesetz betreffend die Regelung der äußeren Rechtsverhältnisse der israelitischen Religionsgesellschaft“ wurde ein Gesetz geschaffen, welches das Verhältnis der verschiedenen, nach geographischen Gebieten eingeteilten Kultusgemeinden zum Staat auf eine einheitliche Rechtsgrundlage stellte.

  16. 15. Oktober 1893

    Eröffnung der Israelitisch-Theologischen Lehranstalt.

    Nach 15-jähriger Vorbereitung wurde die Israelitisch-Theologische Lehranstalt Wien nach Vorbild des Jüdisch-Theologischen Seminars Breslau eröffnet. Eine wissenschaftliche Rabbiner- und Religionslehrerausbildung sollte etabliert werden. Ziel war die Qualitätssicherung des Religionsunterrichts.

  17. 1. November 1895

    Eröffnung des ersten Jüdischen Museums Wien.

    Nach 15-jähriger Vorbereitung wurde die Israelitisch-Theologische Lehranstalt Wien nach Vorbild des Jüdisch-Theologischen Seminars Breslau eröffnet. Eine wissenschaftliche Rabbiner- und Religionslehrerausbildung sollte etabliert werden. Ziel war die Qualitätssicherung des Religionsunterrichts.

  18. 1900er

    Siegmund Husserl .

    Siegmund Husserl führte erstmalig eine wissenschaftliche Archivverwaltung mit parallel geführter Registratur ein und entwickelte weitere Pläne für die Entwicklung und Vernetzung des Archivs. Seine Idee eines Zentralarchivs der österreichischen jüdischen Kultusgemeinden wurde nicht verwirklicht.

  19. 1914 bis 1918

    Das Archiv im Ersten Weltkrieg.

    Unter Archivar Samuel Pinkas sollten eine Archivordnung und eine Kanzleiregistratur erstellt werden. Durch den Ersten Weltkrieg konnten diese Maßnahmen nicht umgesetzt werden. Beschreibungen des Historikers Alfred F. Přibram zufolge herrschten zu Ende des Krieges im Archiv chaotische Zustände.

  20. Reorganisation des Archivs.

    Unter der Leitung des Archivars Saul Chajes erfolgte eine Umstrukturierung des Archivs. Er beschloss eine chronologische Ordnung der Akten bis 1860, ein Einteilung nach Jahrgängen und Exhibitenzahlen für Akten bis 1926 und parallel dazu die Katalogisierung nach Schlagworten, Orts- und Personennamen.

  21. 12. März 1938

    „Anschluss“ .

    Der „Anschluss“ Österreichs an das nationalsozialistisch regierte Deutschland, eine von weiten Teilen der österreichischen Bevölkerung begrüßte Annexion, führte zur Aufgabe der staatlichen Souveränität und ebnete den Weg zur Verfolgung und Ermordung auch der österreichischen Juden.

    Anfang Mai 1938

    Wiedereröffnung der IKG .

    Nach dem „Anschluss“ wurde die IKG zunächst geschlossen und Anfang Mai wiedereröffnet. Sie musste unter Kontrolle der NS-Verwaltung und der „Zentralstelle für jüdische Auswanderung“ zwangsweise die Vertreibung der Gemeindemitglieder und ab 1941 die Deportation organisieren.

    Juli 1938

    NS-Kontrolle des Archivbetriebs.

    Die erzwungene Umstrukturierung der IKG verursachte eine Flut von Akten, die im Archiv nicht mehr methodisch abgelegt werden konnten. Die Gestapo beschlagnahmte zudem einen Teil der Archivalien und brachte ihn nach Berlin ins Reichssicherheitshauptamt zur rassenideologischen Auswertung.

    9. November 1938

    Novemberpogrome.

    In der Nacht vom 9. auf 10. November 1938 wurden alle Wiener Synagogen und Bethäuser außer dem Stadttempel zerstört, da er sich in einem Wohnhaus befindet. Geschäfte wurden geplündert, über 6.000 Juden wurden verhaftet und viele ins Konzentrationslager Dachau verschleppt

  22. 1. September 1939 bis 8. Mai 1945

    Archiv im Zweiten Weltkrieg.

    Mit dem deutschen Angriff auf Polen begann der Zweite Weltkrieg. Da 1943 Bombenangriffe auf Berlin zunahmen, bargen die NS-Behörden die konfiszierten jüdischen Wiener Archivalien in Schlesien. Von dort verbrachte die Rote Armee 1945 sie als „Beuteakten“ nach Moskau.

    20. Oktober 1939

    Deportation nach Nisko am San.

    Ende 1939 befahl Adolf Eichmann erste Deportationen österreichischer Juden ins neu besetzte Polen. In Nisko sollte ein sogenanntes Judenreservat entstehen, ein Konzentrationslager. Aufgrund unzulänglicher Verkehrswege und kriegsbedingt beanspruchter Transportmittel wurde das Lager 1940 aufgegeben.

  23. Herbst 1941

    Kennzeichnungspflicht und Ausreiseverbot für Juden .

    Am 19. September 1941 trat die sogenannte Judensternverordnung in Kraft, die Kennzeichnungspflicht für Juden. Ab dem 23. Oktober 1941 war die Ausreise aus deutschen Reichsgebieten für Juden verboten. Beide Maßnahmen dienten der Vorbereitung der endgültigen Vernichtung.

  24. Februar 1942

    Beginn der Deportationen - „Endlösung der Judenfrage“.

    Im September 1941 wurde mit der Ermordung noch nicht aus dem Einflussgebiet der Nationalsozialisten geflohener Juden begonnen. Den Deportationen und Tötungen waren Jahre der Verfolgung vorausgegangen. Ab Februar 1942 wurden die letzten in Wien verbliebenen Juden in Konzentrationslager verschleppt.

  25. 1. Dezember 1943

    Deportation Leopold Moses.

    Leopold Moses, der letzte Archivar des IKG-Archivs vor der Wiederbegründung 2009, wurde am 14. Oktober 1943 verhaftet und am 1. Dezember 1943 nach Auschwitz deportiert und ermordet. Nach dem Ende seiner Tätigkeit war das Archiv der IKG Wien de facto nicht mehr existent.

  26. 8. Mai 1945

    Kapitulation NS-Deutschlands.

    Am 8. Mai 1945 endete der Zweite Weltkrieg mit der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht. Damit wurden Deutschland und die in der Zeit von 1938 bis 1945 besetzten Gebiete von nationalsozialistischer Herrschaft befreit und die rassistische Gesetzgebung aufgehoben.

    8. Mai 1945

    Wiederbegründung der IKG nach der NS-Zeit.

    1945 wurde die IKG wiederbegründet, die erste Wahl des Kultusvorstandes fand im April 1946 statt. Die IKG stand infolge vor der Herausforderung, nach Wien zurückkehrenden Juden, KZ-Überlebenden und Angehörigen der 65.000 im Holocaust Ermordeten zu helfen und Opferentschädigungen voranzutreiben.

  27. Leihweise Übergabe von Archivalien nach Jerusalem .

    Alex Bein, Direktor des Zionistischen Archivs, schlug 1949 vor, die nach 1945 in desolatem Zustand befindlichen Archivalien nach Jerusalem zu bringen. Die IKG stimmte 1951 zu. Die Central Archives (vormals General Archives) erhielten in vier Tranchen (zuletzt 1978) Archivmaterial als Leihgabe.

  28. 15. Mai 1955

    Staatsvertrag.

    Zehn Jahre nach Kriegsende und 17 Jahre nach dem „Anschluss“ erhielt Österreich seine Souveränität zurück. Damit wurde aber auch der Mythos des „ersten Opfers der Nationalsozialisten“ besiegelt, für viele Österreicher ein Anlass, die Teilverantwortung für die Judenverfolgung von sich zu weisen.

  29. 1970er

    Erstellung des „Hodik-Inventars“.

    Avshalom Hodik erstellte in den 1970er Jahren ein Findmittel der den Central Archives in Jerusalem (vormals General Archives) leihweise übergebenen Archivalien der Wiener Jüdischen Gemeinde sowie 1979 einen Abschlussbericht zum Archiv der IKG Wien. Dieses Findmittel umfasst 432 Seiten.

  30. Auffindung des Archivs im Keller des Stadttempels.

    1986 entdeckte der damalige Sicherheitsbeauftragte Ernst Meir Stern im Zuge von Renovierungsarbeiten im Keller unterhalb der Synagoge in der Seitenstettengasse „verschollenes“ Archivmaterial. Es wurde wegen der Umbauten außer Haus gebracht. Danach geriet es jedoch wieder in Vergessenheit.

  31. Wiederauffindung des Wiener Archivs in der Herklotzgasse.

    Auf Initiative des damaligen Präsidenten der IKG, Ariel Muzicant, und der Exekutivdirektorin des Präsidiums, Erika Jakubovits, wurde ab 1998 nach verbliebenen Archivalien gesucht. Im Jahr 2000 wurden umfassende Bestände (800 Kartons) in einem Haus der IKG in der Herklotzgasse in 1150 Wien gefunden.

  32. Gründung der Abteilung Archiv in der IKG Wien.

    Mehr als 70 Jahre nach der Auflösung durch die Nationalsozialisten wurde im Jänner 2009 das Archiv als eigene Abteilung der IKG Wien wieder begründet und damit dessen Bedeutung für die Kultusgemeinde unterstrichen.

  33. Archivsanierung.

    Die Räumlichkeiten des IKG-Archivs wurden einer grundlegenden Sanierung unterzogen. Entsprechend modernen Archivstandards wurden Brandschutz, Klimaanlage und Lüftung eingerichtet. Damit ist sichergestellt, dass das gesamte historische Aktenmaterial fachgerecht gelagert ist.

  34. 22. November 2016

    200-jähriges Jubiläum Archiv der IKG Wien.

    Zum 200-jährigen Jubiläum des Archivs fand erstmals ein Tag der offenen Tür statt. Die Zugänglichkeit zum Archiv für wissenschaftliche und private Forschung ist seither möglich. Eine Festschrift sowie eine Website wurden im Zuge der Feierlichkeiten vorgestellt.