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„Altmatriken“ der IKG Wien

Die von den gesetzlich anerkannten Kirchen und Religionsgesellschaften geführten Personenstandsbücher werden „Altmatriken" genannt. Die Matrikenführung ist seit der Verordnung über die Einführung des deutschen Personenstandsgesetzes in Österreich vom 2. Juli 1938 sowie deren Bekanntmachung am 28. Juli 1938 in staatlicher Hand.

 

Die Matrikenreferate sind jedoch per Gesetz verpflichtet, auf Basis der Einträge Urkunden für amtliche und private Zwecke auszustellen sowie die Altmatriken betreffend Personenstandsveränderungen (u.a. Eintrag der Todesmeldungen in die Geburts- oder Heiratsbücher) zu führen. Die MatrikenführerInnen sind u.a. auch für die Erhaltung der „Altmatriken“ zuständig.

 

 

 

Im Bestand der Matriken der IKG Wien, der im Jänner 2014 der Abteilung Archiv der IKG Wien eingegliedert wurde, befinden sich die bis heute erhaltenen Geburts-, Trauungs- und Sterbebücher der jüdischen Bevölkerung in Wien, Steiermark, Kärnten und Krain sowie einiger ehemaliger Kultusgemeinden in Niederösterreich und Burgenland (Zeitraum: ca. 1784 bis 1938).

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Geschichte Matriken IKG Wien

Die staatliche Personenstandsverzeichnung wurde in Österreich durch das kaiserliche Patent vom 20. Februar 1784 mit genauen Vorschriften über die Führung von Matriken (Geburts-, Trauungs- und Sterbebücher) durch die einzelnen Religionsgemeinschaften eingeführt. Bereits in der Einleitung zu diesem Patent betont Kaiser Josef II. die Wichtigkeit der Matriken für staatliche Zwecke (Rechtsprechung, Bevölkerungsstatistik, u.v.m.). Für die Jüdische Gemeinde bedeutete dies, dass der Religionslehrer oder der Oberrabbiner Matrikenbücher für die betreffende Gemeinde und ihre Umgebung zu führen hatte.

In Wien war die Führung der Matriken zunächst dem Magistrat als Ortsobrigkeit, seit 1790 dem „Judenkommissär“ (Judenamt), seit 1797 der Polizei-Oberdirektion übertragen. Seit 1826, dem Jahr der Fertigstellung des Stadttempels, führte der damals nach Wien berufene erste Religionslehrer und Prediger Isaak Noah Mannheimer selbständige Matriken, die er jährlich per Dekret vom 1. Juni 1831 mit denen der Polizeidirektion vergleichen und ergänzen musste. Die polizeilich geführten Matriken wurden 1848 eingestellt.  Seitdem sind nur die bei der Jüdischen Gemeinde geführten Matriken sowie deren Zweitschriften vorhanden.

Die Eintragungen der Matriken durften nicht auf losen Blättern erfolgen, sondern in gebundenen paginierten Büchern. Sie mussten leserlich geschrieben werden und Abkürzungen waren zu vermeiden. Per Hofdekret vom 2. März 1890 wurde verfügt, dass die Matrikenbücher „womöglich in feuerfesten Kassen aufzubewahren“ sind. Bei Feuergefahr waren vor allem die Matriken in Sicherheit zu bringen. 

Per Gesetz vom 10. Juli 1868 betreffend die Beweiskraft der Geburts-, Trauungs- und Sterbematriken der Israeliten (RGBl. Nr. 12/1869) wurde die eigenständige Matrikenführung staatlich anerkannt. Ab diesem Zeitpunkt führten staatlich beeidete Matrikenführer die Personenstandsbücher.

Vier Mal im Jahr musste der Matrikenführer Listen und Auskünfte über die Geborenen, Gestorbenen, Legitimierten und Getrauten seines Matrikensprengels zum Zwecke der Erstellung von Statistiken (u.a. auch zum Zweck der Volkszählung nach dem Gesetz vom 29. März 1869, RGBl. Nr. 67) ) an die jeweilige zuständige politische Behörde einsenden.

Auch die in den Wiener Vororten errichteten Jüdischen Gemeinden Fünfhaus, Ottakring und Währing führten bis zu ihrer 1892 erfolgten Vereinigung mit der Wiener Kultusgemeinde eigene Geburts-, Trauungs- und Sterbematriken. Mit dem Gesetz vom 21. März 1890 betreffend die Regelung der äußeren Rechtsverhältnisse der israelitischen Religionsgesellschaft (RGBl 57/1890) wurde eine flächendeckende Organisation verfügt. Die Ministerial-Verordnung vom 4. Dezember 1891 legte danach die Sprengel von 13 niederösterreichischen Kultusgemeinden fest. Das ab 1892 vergrößerte Wiener Stadtgebiet wurde zu einer Kultusgemeinde Wien zusammengefasst. Seit 1892 hatten somit die Vorortegemeinden nur mehr das Recht, Trauungen vorzunehmen. Die Immatrikulierung der Geburts- und Sterbefälle war ausschließlich der Stadtzentrale (IKG Wien, im ersten Wiener Gemeindebezirk, Seitenstettengasse 4) vorbehalten. Die Trauungsbücher mussten per Ende des Jahres der Stadtzentrale zwecks Vereinigung des gesamten Matrikenbestandes übermittelt werden. Eine Ausnahme bildete die Kultusgemeinde Floridsdorf, die wegen der großen Entfernung Geburten, Trauungen und Sterbefälle in eigenständige Matrikenbücher eintrug und selbst verwahrte.

Im Zuge der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten änderte sich die rechtliche Lage. Die Verordnung über die Einführung des deutschen Personenstandsgesetzes in Österreich vom 2. Juli 1938 sowie deren Bekanntmachung am 28. Juli 1938 führten die allgemeine Bestimmung ein, dass die Beurkundung des Personenstandes sowie die Führung der Matrikenbücher in die staatliche Kompetenz der Standesämter überzugehen hatten. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

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Geburtsbücher (1784 – 1938)

Geburtsbücher (1784 – 1938)  im Bestand der Matriken

Auf Verfügung des Magistrats der Stadt Wien sowie auf Erlass der niederösterreichischen Statthalterei waren Hebammen ab dem Ende des 19. Jahrhunderts verpflichtet, innerhalb von acht Tagen nach der Geburt eines Kindes die Geburten bei den mit der Führung der Geburtsbücher betrauten Organen zur Anzeige zur bringen. Der Matrikenführer musste jeden Geburtsfall (auch Totgeburten), der sich in seinem Matrikensprengel ereignete, auf Basis der Geburtsanzeigen in das Geburtsbuch unter einer eigenen Reihenzahl eintragen. Die Reihenzahlen der Geburtsanzeigen sind ident mit jenen der Geburtsbücher.

Die einzelnen Rubriken eines Geburtsbuches der IKG Wien sind – mit wenigen Abweichungen – wie folgt: 

  • Reihenzahl
  • Tag, Monat und Jahr der Geburt
  • Name der Geborenen
  • Geschlecht (männlich, weiblich)
  • Eigenschaft (ehelich, unehelich)
  • Vor- und Zuname des Vaters, Geburtsort und Beruf
  • Vor- und Zuname der Mutter sowie Geburtsort
  • Ort der Geburt und Wohnung der Eltern
  • Name der Hebamme, Geburtshelfers und deren Wohnung
  • Tag der Beschneidung und Namenserteilung
  • Hebräischer oder liturgischer Name des Kindes
  • Name des Beschneidungs-Operateurs
  • Unterschrift der Zeugen
  • Anmerkung

Geburtsanzeigen (1893 - 1937) im Bestand Archiv

Der 147 Kartons umfassende Teilbestand ist nicht zur Gänze erhalten.
Die Geburts-Anzeigen beinhalten neben dem Namen, Geschlecht, Geburtsdatum und Geburtsort des Kindes auch den Namen der Eltern samt Adresse, Geburts- und Trauungsdatum. Ebenso angegeben sind der Name und die Adresse der Hebamme.
Analog zu den Geburtsbüchern finden sich in einigen Jahrgängen Angaben zum hebräischen Name des Kindes. Zusätzlich ist u. a. der Name des vorletzten Kindes festgehalten. Dieser ist neben den Geburts- und Trauungsdaten der Eltern im Falle familienbezogener Recherchen von besonderer Relevanz.
In einigen Fällen liegen den Geburts-Anzeigen ergänzende Dokumente (bspw. eine Beschneidungs-Anzeige) bei.
Bis in die 1920er fanden Geburten in erster Linie im Haus der Hebamme oder am Wohnort der Eltern statt, danach verstärkt auch in diversen Kliniken und Geburtsstationen.

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Trauungsbücher

Trauungsbücher (1785 – 1938) im Bestand der Matriken

Bis 1938 war es die Pflicht des Matrikenführers, bei Anmeldungen von Eheschließungen mit größter Genauigkeit die vorgelegten zur Trauung erforderlichen Dokumente zu prüfen und etwaige Ehehindernisse auszuschließen. Nach erfolgter dreimaliger Ankündigung der Trauung wurde diese von einem Rabbiner oder Religionslehrer in Gegenwart von zwei Zeugen vollzogen. Die Eheschließung musste vom Rabbiner oder Religionslehrer in das Trauungsbuch genau eingetragen werden. Jene, welche die Trauungsbücher nicht nach Vorschrift führten, wurden für bis zu drei Jahre des Amtes verwiesen und es erwartete sie eine Geld- oder (bis 1867) eine Leibesstrafe.

Die einzelnen Rubriken eines Trauungsbuches der IKG Wien sind – mit wenigen Abweichungen – wie folgt:

  • Reihenzahl
  • Trauungsdatum
  • Trauungsort
  • Angabe der vorgelegten Zeugnisse und Dokumente
  • Angaben zum Bräutigam wie Nachname, Vorname, Geburtsort, Alter, Geburtsdatum, Familienstand (ledig, verwitwet, geschieden)
  • Angaben zu den Eltern des Bräutigams wie Name, Beruf, Wohnort, Mädchenname der Mutter
  • Angaben zur Braut wie Nachname, Vorname, Geburtsort, Alter, Geburtsdatum, Familienstand (ledig, verwitwet, geschieden)
  • Angaben zu den Eltern der Braut wie Name, Beruf, Wohnort, Mädchenname der Mutter
  • Unterschriften des Brautpaares, der Trauzeugen und des Rabbiners
  • Anmerkungen

 

Eheaufgebotsbücher (1870 – 1937) im Bestand Archiv

Nachdem sich der Rabbiner durch Befragung und Überprüfung der Dokumente überzeugt hatte, dass dem Abschluss einer Ehe keine Hindernisse im Weg standen, wurden die Personaldaten der Brautleute in die Aufgebotsbücher eingetragen. Diese sind mit Ausnahme der Jahre von 1932 bis 1935 bis heute erhalten.

Der 37 Bände umfassende Bestand enthält – mit wenigen Abweichungen – folgende Angaben:

  • Reihenzahl
  • Angaben zum Bräutigam wie Name, Vorname, Beruf, Adresse, Familienstand (ledig, geschieden, verwitwet)
  • Angaben zur Braut wie Nachnname, Vorname, Beruf, Adresse, Familienstand (ledig, geschieden, verwitwet)
  • allfällige Verkürzung des Aufgebotstermins
  • Ort, Art und Zeit der Aufgebotsvornahme
  • Anmerkungen
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Sterbebücher

Sterbebücher (1784 – 1938) im Bestand Matriken

Der Matrikenführer hatte jeden Sterbefall in das Sterbebuch unter Anführung einer Reihenzahl einzutragen. Die Daten entnahm er den Todesfallmeldungen (Immatrikulierungsanweisungen), die ihm von den Totenbeschreibämtern der Gemeindebehörden übermittelt wurden. Bei verschollenen oder vermissten Personen musste erst die rechtliche Todeserklärung sowie der Auftrag der Landesbehörde zur Eintragung abgewartet werden.

Die einzelnen Rubriken eines Sterbebuches der IKG Wien sind – mit wenigen Abweichungen – wie folgt:

  • Reihenzahl
  • Sterbedatum (manchmal auch hebräisches Sterbedatum) und Beerdigungsdatum
  • Angaben zum Verstorbenen wie Nachname und Vorname, Beruf, Herkunfts-/Geburtsort und/oder Zuständigkeitsort
  • Geschlecht
  • Familienstand
  • Alter (teilweise mit Geburtsdaten)
  • Sterbeadresse / Wohnadresse
  • Ort der Beerdigung
  • Sterbeursache
  • Anmerkungen

 

Todesfallmeldungen (April 1920 – Ende Mai 1938) im Bestand Archiv

Der Teilbestand der Todesfallmeldungen besteht aus jenen Immatrikulierungsanweisungen, die von diversen Ämtern des Wiener Magistrats an das Matrikenamt der IKG Wien übermittelt wurden. Diese Meldungen waren Grundlage für die Verzeichnung der Sterbefälle in den Matrikenbüchern. Die 24 Kartons umfassenden Archivalien sind nicht vollständig erhalten, bspw. fehlt das Jahr 1936 zur Gänze.

Die Meldungen beinhalten u.a. die Namen und Geburtsdaten der Verstorbenen, deren letzte Wohnadresse, Sterbedatum, Todeszeitpunkt, Sterbeort und Todesursache. Des Weiteren sind deren Beruf, Religionsbekenntnis, Familienstand und Trauungsdatum (ab 1923 auch der Name des Leichenbeschauers sowie das Datum der Totenbeschau) angegeben. Nicht immer, so im Falle ertrunkener Personen, konnten die Verstorbenen identifiziert werden.

Bis zur Eröffnung des Wiener Krematoriums im Dezember 1922 wurden im Falle von Einäscherungen die Leichen nach Reichenberg (Liberec, Nordböhmen) überstellt und deren Asche anschließend nach Wien rücküberführt. Danach erfolgten die Einäscherungen in Wien.

Nach dem so genannten „Anschluss“ im März 1938, als die NS-Behörden ihre Verwaltungsstrukturen der IKG Wien aufzwangen, ist eine Zäsur im bisherigen Ablauf erkennbar. Vor allem während der fast zweimonatigen Schließung der IKG Wien (März bis Anfang Mai 1938) durch die NS-Behörden ist die bis dahin gegebene chronologische Ordnung der Dokumente durchbrochen.

Ab März 1938 ist darüber hinaus ein immenser Anstieg an Suiziden ersichtlich. Im Zeitraum von 12. März bis Ende Mai 1938 nahmen sich entsprechend den Einträgen in den Todesfallmeldungen mehr als 190 Menschen mosaischen Glaubens das Leben.

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