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Synagoge Seitenstettengasse

Der „Stadttempel“ wurde erbaut nach den Plänen des k.k. Architekten Josef Kornhäusel an der Stelle des ehemaligen Dempfingerhofes. Die Grundsteinlegung erfolgte im Dezember 1823, die Fertigstellung im Herbst 1825. Eröffnet  wurde der Tempel am 9. April 1826 als „Israelitische Betanstalt“ und erfuhr 1963 eine Generalrenovierung. Das besondere an der Synagoge ist, dass sie von aussen nicht als solche erkennbar ist. Nach mehreren Entwürfen entschied man sich für einen ovalen Grundriss, die Frauenempore wird von Säulen getragen. Untypisch sind der Toraschrein, der sich, nicht wie üblich in der Mitte des Raumes, sondern im vorderen Teil des Raumes befindet und die Kuppel, die eher an ein christliches Bauwerk erinnert. Dominante Farben sind Blau und Gold. Durch laufende Veränderungen ist der ursprüngliche Zustand des Stadttempels allerdings nur noch am Plan ersichtlich.

Unter den bedeutendendsten Persönlichkeiten, die maßgeblich an der Gründung und Erbauung der Synagoge beteiligt waren, befanden Salomon Freiherr von Rothschild, Michael Lazar Biedermann und Isaak Löw Hofmann. Als Prediger bemühte man sich um Isaak Noa Mannheimer aus Berlin, da es zu diesem Zeitpunkt jedoch in Wien noch kein offizielles Rabbineramt gab, stellte man ihn 1825 pro forma als Direktor der Wiener öffentlichen israelitischen Religionsschule ein. Salomon Sulzer (1804-1890) aus Vorarlberg wurde als Chazan (Kantor) an den Stadttempel geholt.

Die Synagoge ist von besonderer Bedeutung in der Geschichte der Wiener Juden, war sie doch der erste öffentliche Tempel seit der Vertreibung der Juden 1670 und ein Zeichen für eine anerkannte Gemeinde. Ausserdem diente sie der Erstarkung des jüdischen Selbstbewusstseins, wieder ein öffentliches Bethaus zu besitzen, darüber hinaus erbaut von einem der bedeutendsten Architekten seiner Zeit (Kornhäusel erbaute u.a. das Theater in der Josefstadt und zeichnete sich für den Umbau der Albertina verantwortlich)

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„Leopoldstädter Tempel“

Der „Leopoldstädter Tempel“ wurde am 15. 6. 1858 eingeweiht, zuvor hatte man mit einem eigens aus Jerusalem mitgebrachten Stein die Schlussstein-Legung begangen. Diese zweite Wiener Synagoge war in vieler Hinsicht ein Projekt der Superlative. 1826 war der Wiener Stadttempel als fast unsichtbares Hinterhaus eingeweiht worden. In den 30 Jahren hatte die jüdische Gemeinde eine rasante Entwicklung genommen. Die Zeit nach der Revolution von 1848 sollte die lang umkämpfte bürgerliche Gleichberechtigung bringen, die 1867 Staatsgesetz wurde. Die Hauptstadt der Habsburger Monarchie zog immer mehr Juden aus den Kronländern an. Zwischen 1857 und 1870 wuchs die jüdische Gemeinde von knapp 2600 auf rund 40 000 Menschen an. Das Bewusstsein, ein Teil dieser Entwicklung zu sein, die man bis heute als die „Wiener Moderne“ verehrt, führte dazu, mit der Errichtung des Tempels ein sichtbares und stolzes Zeichen setzen zu wollen. Der „Leopoldstädter Tempel“ wurde mit den ursprünglich 2.240 Plätzen die größte Synagoge Wiens. Als prominenter Architekt wurde 1854 Ludwig von Förster (1797-1863) gewonnen, der in Wien schon das Palais Rothschild, das Arsenal und die Maria-Hilfkirche geplant hatte.

Der Tempel, mit seinen Stilelementen der maurisch-orientalischen Bauweise, sollte an den zerstörten Jerusalemer Tempel erinnern. Das jahrhundertelange Exil war für die Wiener Juden vorbei, „ihr“ Tempel stand nicht mehr in Jerusalem, sondern in Wien. Eine jüdische Traumexistenz, diese Leben in „Wien um 1900“, das mit dem Ende des Kaiserreiches deutliche Risse bekommen sollte. Man verdrängte den immer stärker werdenden Antisemitismus, der schließlich wieder zu einer „Tempelzerstörung“ führen sollte. Das kolossale Bauwerk, in dem berühmte Gelehrte wie Adolf Jellinek und Moritz Güdemann gepredigt hatten, wurde in der Pogromnacht durch die Nazis zerstört. Der letzte Prediger des Leopoldstädter Tempels, David Israel Taglicht, konnte nach England emigrieren, wo er 1943 in Cambridge starb. Auf dem kleinen jüdischen Friedhof von Cambridge haben die Grabsteine von ihm und seiner Ehefrau Edith fast unleserliche Inschriften und keine Gedenktafel oder Ähnliches erinnert an den letzten Oberrabbiner Wiens vor der Shoah. In Wien gibt es zumindest eine Gedenktafel zur Erinnerung an den Leopoldstädter Tempel – allerdings wurde hier aus Ludwig Förster ein Leopold. Wer sich ein Bild davon machen möchte, wie der Tempel einmal ausgesehen hat, muss nach Budapest fahren – die Große Synagoge dort wurde ebenfalls von Förster entworfen.

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