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Jüdische Vereine und Stiftungen. Das blühende Vereinsleben vor 1938

Bereits vor der Gründung der Israelitischen Kultusgemeinde Wien (1852) und dem Israelitengesetz (1890) übernahmen Vereine wie die Beerdigungsbruderschaft Chewra Kadischa wichtige, ja geradezu unabdingbare Aufgaben in der Organisation jüdischen Gemeindelebens in Österreich. Die gesetzlich garantierte Vereinsfreiheit, die in Österreich seit 1867 besteht, führte zu einer Zunahme jüdischer Vereinsgründungen. Das jüdische Vereinsleben war bis zum „Anschluss“ 1938 so vielfältig wie die jüdische Gemeinde. Religiöse Vereine, zionistische Vereine, Fürsorge- und Schulvereine bestanden neben Vereinen, die sich Kultur, Sport oder Wissenschaft widmeten. Es gab Vereine, die sich an Frauen, Jugendliche, Studenten, bestimmte Berufsgruppen oder Kriegsveteranen richteten. Massenvereine mit internationalem Renommee wie der SC Hakoah Wien existierten neben lokalen Vereinen mit einem Dutzend Mitglieder.

Die jüdischen Vereine dienten der Organisation abseits und in Ergänzung des Gemeindelebens in den Kultusgemeinden sowie der Stiftung und Bewahrung jüdischer Identität. Sie erfüllten verschiedenste religiöse, rituelle, kulturelle und gesellschaftliche Bedürfnisse und waren in vielen Fällen eine Reaktion auf Antisemitismus und Ausgrenzung, etwa im Sport oder auf den Hochschulen.

Im Wiener Bestand des Archivs der IKG Wien finden sich zu den Vereinen und Stiftungen in der Zeit vor dem „Anschluss“ 1938 lediglich Einzelakten. Tausende Akten zu Vereinen und Stiftungen aus dem 19. Jahrhundert und dem frühen 20. Jahrhundert wurden den Central Archives for the History of the Jewish People in Jerusalem als Leihgabe übergeben und können nur in Israel eingesehen werden. In etlichen Fällen liegen Vereinsstatuten bzw. Stiftbriefe in einem Bestand von Kopien aus anderen Archiven vor, der in den Jahren 2002 bis 2005 im Zuge des Gemeindevermögensprojekts angelegt wurde.

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Jüdische Vereine und Stiftungen in der NS-Zeit: Auflösung und Vermögensentziehung

Nach dem „Anschluss“ 1938 erfasste ein eigenes NS-Amt, der sog. Stillhaltekommissar für Vereine, Organisationen und Verbände, alle Vereine in Österreich und entschied über ihre Auflösung, Eingliederung bzw. ihr Weiterbestehen. 2,3% der abgewickelten Vereine wurden als jüdische Vereine klassifiziert. Zu den jüdischen Organisationen zählten neben Vereinen, Stiftungen und Fonds auch die österreichischen Kultusgemeinden selbst. Der Stillhaltekommissar löste den überwiegenden Großteil der jüdischen Organisationen auf, was mit der Entziehung des Vermögens einherging. Einige Organisationen durften zunächst weiterbestehen, manche wurden zwangsweise Dachverbänden bzw. der IKG Wien unterstellt. Mitunter wurden Teile des Vermögens aufgelöster Vereine und Stiftungen der Fürsorgezentrale der IKG Wien eingewiesen und dienten der Notversorgung der jüdischen Bevölkerung. Bis zu ihrer Auflösung bestanden in Österreich – je nach Quelle und Zählweise – 500 bis 700 jüdische Vereine, über 300 jüdische Stiftungen (mehrheitlich für wohltätige Zwecke) und über 30 Kultusgemeinden, die mehr als 240 Liegenschaften besaßen und über 100 Tempel und Bethäuser sowie über 50 Friedhöfe betrieben.

Als die unter NS-Kontrolle stehende IKG Wien im November 1942 aufgelöst und in den „Ältestenrat der Juden in Wien“ umgewandelt wurde, war die vor 1938 blühende Landschaft jüdischer Organisationen bereits vernichtet und ihres Vermögens beraubt.

An Originalakten zu den jüdischen Vereinen und Stiftungen in der NS-Zeit verfügt das Archiv der IKG Wien vor allem über Einzelakten diverser Abteilungen, die mit Vereinsangelegenheiten – insbesondere den Folgen der Auflösung von Vereinen durch den Stillhaltekommissar – betraut waren. Erwähnenswert sind etwa jene Akten, die 1938/39 vom Vereinsbüro der IKG Wien angelegt wurden sowie rund 120 erhaltene Akten aus einer Serie, die von der Rechnungskontrolle der IKG Wien geführt wurde. Am umfangreichsten ist der Kopienbestand aus dem Gemeindevermögensprojekt, der zu hunderten Vereinen und Stiftungen die Akten (bzw. Ausschnitte daraus) des Stillhaltekommissars enthält.

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Jüdische Vereine und Stiftungen nach 1945: Wiederbegründung und Restitution

Die Lage der jüdischen Gemeinde nach der Befreiung im April 1945 war ausgesprochen schwierig: die IKG Wien bestand nur noch aus wenigen Tausend Mitgliedern und sie war auf Subventionen jüdischer Organisationen im Ausland angewiesen. Tempel, Friedhöfe und die Infrastruktur (Kindergärten, Schulen, Spitäler, Altersheime, etc.) waren zerstört. Dies stand in einem unmittelbaren Zusammenhang mit der Zerschlagung des jüdischen Vereinslebens während der NS-Herrschaft.

Zwar wurde eine gesetzliche Basis zur Reorganisation geschaffen (Vereinsreorganisationsgesetz 1945 und Stiftungs- und Fondsreorganisationsgesetz 1954), dennoch konnten in der Zweiten Republik nur wenige jüdische Vereine und Stiftungen wiederbegründet werden. Die IKG Wien trat in zahlreichen Fällen die Rechtsnachfolge aufgelöster Organisationen (einschließlich einiger Kultusgemeinden in den Bundesländern) gemäß Zweites Rückstellungsanspruchsgesetz 1951 an. Ein Teil der entzogenen Liegenschaften wurde rückerstattet, doch verlief die Restitution gemäß den Rückstellungsgesetzen letztlich ungenügend. Obwohl sich die IKG Wien im politischen Entscheidungsprozess mit vielen ihrer Forderungen nach „Wiedergutmachung“ durchsetzte, wurden weite Teile des geraubten jüdischen Gemeindevermögens nie restituiert bzw. entschädigt.

Die IKG Wien führte auch Grundlagenforschung zu diesem Thema durch, etwa in dem vom Präsidium initiierten Projekt „Das Vermögen der Israelitischen Kultusgemeinde Wien und der jüdischen Organisationen 1938 bis 1975“ (kurz: Gemeindevermögensprojekt), das in den Jahren 2002 bis 2005 von der Anlaufstelle für Jüdische NS-Verfolgte in und aus Österreich und deren Nachkommen durchgeführt wurde.

Beim Großteil des Archivmaterials zu jüdischen Vereinen und Stiftungen aus der Zeit nach 1945, die sich im Archiv der IKG Wien befinden, handelt es sich um Akten zur Rückstellung von Liegenschaften, die im Zuge des Gemeindevermögensprojekts angelegt wurden (Originalakten im gebildeten Bestand Liegenschaftsakten bzw. Kopienbestand aus anderen Archiven). Auch die archivierten Einzelakten behandeln überwiegend Themen wie die Wiederbegründung bzw. Neugründung von Vereinen, die Restitution entzogenen Vermögens und die Frage der Rechtsnachfolge. Als exemplarisch kann etwa eine Serie von über 80 Vereinsakten gelten, die vom Rechtsbüro der IKG Wien im Zuge von Stellungnahmen zu Vereinsgründungen geführt wurden.

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